Anpassung / Internationale Klimafinanzierung / Transparenz und Rechenschaft

Klimaanpassungsfinanzierungsindex 2026: Anpassungsfinanzierung erreicht immer noch nicht die verwundbarsten Länder

Wer bekommt Unterstützung, um sich vor der Klimakrise zu schützen? Und warum bleiben ausgerechnet viele besonders gefährdete Länder zurück? Der Climate Adaptation Finance Index (CAFI) 2026 von Brot für die Welt untersucht die Verteilung internationaler Anpassungsfinanzierung in 129 Ländern. Er zeigt ein beständiges Muster: Wo hohe Klimarisiken, Armut und Konflikte zusammentreffen, ist die Unterstützung besonders unzureichend. Zugleich wird Anpassungsfinanzierung inzwischen überwiegend auf Kreditbasis vergeben, während Zuschüsse zurückgehen. Das wirft Fragen nach der Klimagerechtigkeit und den Regeln der internationalen Klimafinanzierung auf – und nach Deutschlands Verantwortung, sie zu verändern.

Mehr Finanzierung bedeutet noch keine gerechtere Verteilung

Auf der Klimakonferenz COP26 in Glasgow haben die Industrieländer die Verdoppelung der Anpassungsfinanzierung bis zum Jahr 2025 zugesagt. Der CAFI 2026 zeigt jedeoch, dass das Finanzierungsvolumen die Entwicklung hinter den Erwartungen zurückbleibt. Nach deutlichen Zuwächsen zwischen 2019 und 2022 verlor der Aufwuchs 2023 an Dynamik. Ob die Industrieländer ihre zugesagte Verdopplung der Anpassungsfinanzierung bis 2025 tatsächlich erreicht haben, lässt sich anhand der im CAFI ausgewerteten Daten noch nicht abschließend beurteilen, erscheint jedoch unwahrscheinlich

92 der 129 untersuchten Länder sind nach dem CAFI stark oder extrem unterfinanziert, gemessen an ihren Klimarisiken. Dort leben mehr als 6,3 Milliarden Menschen. Nur zehn Länder erreichen die Kategorien einer angemessenen oder guten Finanzierung. Der durchschnittliche Indexwert sank gegenüber der Vorjahresausgabe leicht von 0,59 auf 0,58. Eine Trendwende zu einer risikogerechteren Verteilung ist somit nicht erkennbar.

Quelle: Climate Adaptation Finance Index (CAFI), Brot für die Welt 2026

Strukturelle Benachteiligung besonders verwundbarer Länder

Afghanistan, Tschad, Südsudan, Somalia, Niger, Mali und Jemen stehen erneut am unteren Ende des Index. In diesen Ländern verbinden sich hohe Klimarisiken mit Armut, fragiler Staatlichkeit oder gewaltsamen Konflikten und begrenzten Bewältigungskapazitäten. Gerade dort müsste internationale Unterstützung besondere Priorität haben, das Gegenteil ist aber der Fall.

Der CAFI setzt die Anpassungsfinanzierung pro Kopf ins Verhältnis zum länderspezifischen Klimarisiko. Auf seiner Skala von 0 bis 2 steht der Referenzwert 1 für eine risikogerechte Verteilung der verfügbaren Mittel. Die vierte Ausgabe untersucht Finanzierungszusagen für den Zeitraum 2017 bis 2023 anhand von OECD-Daten. Dabei ist wichtig zu beachten, dass der Index die Verteilung der verfügbaren Mittel bewertet. Er misst nicht, ob diese ausreichen, um den gesamten Anpassungsbedarf eines Landes zu decken. Quelle: Climate Adaptation Finance Index (CAFI), Brot für die Welt 2026.

Dass über vier Indexausgaben hinweg weitgehend dieselben Länder zurückbleiben, deutet auf strukturelle Zugangsbarrieren hin. Auch wenn sich aus diesem wiederkehrenden Muster noch kein eigenständiger Beweis für die Ursächlichkeit von Armut, Fragilität und hohem Klimarisiko für den schlechten Zugang zu Anpassungsfinanzierung ableiten lässt, ist die politische Konsequenz dennoch deutlich: Ein Finanzierungssystem muss auch dort funktionieren, wo Institutionen schwach und Umsetzungsvoraussetzungen schwierig sind. Komplizierte Verfahren und Anforderungen, die solche Bedingungen unzureichend berücksichtigen, können bestehende Nachteile verstärken. Es braucht daher eigene Finanzierungsfenster für fragile und konfliktbetroffene Länder, vereinfachte Verfahren und langfristige Unterstützung beim Aufbau institutioneller Kapazitäten.

Kleine Inselstaaten zeigen Möglichkeiten – und Grenzen

Vergleichsweise gut schneiden kleine Inselstaaten (Small Islands Developing States, SIDS) ab. Tuvalu und Nauru führen die Rangliste an. Ihre Position zeigt, dass eine Finanzierung, die verletzliche Länder gezielt berücksichtigt, grundsätzlich möglich ist. Daraus können Geber für andere benachteiligte Ländergruppen lernen.

Eine Entwarnung wäre jedoch falsch. Langsam eintretende Klimafolgen wie der Meeresspiegelanstieg werden durch die verwendeten Risikoindikatoren nicht umfassend abgebildet. Auch sagt eine günstige Position im Index nichts darüber aus, ob die tatsächlichen Anpassungskosten gedeckt sind. Zudem verdecken regionale Durchschnittswerte Unterschiede: Papua-Neuguinea, die Salomonen und Vanuatu bleiben unterfinanziert.

Klimaanpassung darf nicht zu zusätzlicher Überschuldung führen

Erstmals untersucht der CAFI die langfristige Verschiebung zwischen Zuschüssen und Krediten. Der Zuschussanteil an der untersuchten Anpassungsfinanzierung sank von 57,8 Prozent im Jahr 2016 auf 45,1 Prozent 2023. Zuschüsse nahmen absolut zwar zu, Kredite aber deutlich schneller.

Das ist gerade bei Anpassung problematisch. Küstenschutz, Frühwarnsysteme oder die Wiederherstellung von Ökosystemen schaffen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen. Sie erzeugen jedoch häufig keine direkten Einnahmen, aus denen Kredite zurückgezahlt werden könnten. Für Länder mit geringem finanziellem Spielraum droht deshalb eine doppelte Belastung: Sie müssen wachsende Klimarisiken bewältigen und zugleich zusätzliche Schulden bedienen.

Entscheidend ist somit nicht allein, wie viel Finanzierung zugesagt wird, sondern auch, zu welchen Bedingungen. Besonders arme und klimatisch verwundbare Länder müssen überwiegend durch Zuschüsse zu unterstützt werden, um ihre Anpassungskapazitäten zu stärken.

Schäden und Verluste bleiben statistisch unzureichend sichtbar

Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Finanzierung zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste (Loss and Damage). Die OECD-DAC-Rio-Marker unterscheiden zwischen Klimaschutz und Anpassung, weisen Loss and Damage jedoch nicht gesondert aus. Relevante Finanzflüsse können unter anderen Kategorien erfasst sein, ohne als Unterstützung zur Bewältigung von Schäden und Verlusten erkennbar zu werden.

Der CAFI arbeitet deshalb mit einer Annäherung: Er fasst die OECD-DAC-Sektoren Nahrungsmittelhilfe, Nothilfe, Wiederaufbau und Katastrophenvorsorge als Finanzierungsbereiche mit Bezug zu Schäden und Verlusten zusammen. Die Ausgaben dafür betrugen 2017 889 Millionen US Dollar und stiegen auf 2,1 Milliarden US Dollar im Jahr 2023. Diese Zuordnung macht Unterstützung sichtbar, ist aber keine vollständige Bilanz der Finanzierung für Loss and Damage.

Mit wachsenden Klimaschäden wird diese Transparenzlücke dringlicher. Benötigt wird eine eigenständige Berichterstattung, die Überschneidungen mit Anpassung, Katastrophenvorsorge, humanitärer Hilfe und Wiederaufbau nachvollziehbar macht. Erst zusammen mit belastbaren Bedarfsdaten lässt sich beurteilen, welche Finanzierung fehlt.

Deutschland muss seine politische Führungsrolle ausfüllen

Deutschland ist im untersuchten Zeitraum der größte bilaterale Geber von Anpassungsfinanzierung. Für den dort betrachteten Zeitraum 2019 bis 2023 weist der Bericht deutsche Finanzierungszusagen von insgesamt 28,3 Milliarden US-Dollar aus, davon 5,6 Milliarden im Jahr 2023. Deutschlands Mittel sind etwas risikogerechter verteilt als die der Gebergemeinschaft insgesamt. Der deutsche CAFI-Durchschnitt von 0,61 gegenüber international 0,58 zeigt aber auch: Der Vorsprung ist begrenzt.

Aus seiner Geberposition erwächst Deutschland besondere politische Verantwortung. Die Bundesregierung sollte ihre Finanzierungszusagen verlässlich absichern und gemeinsam mit anderen Gebern die strukturellen Defizite angehen. Dazu gehören eine stärkere Gewichtung von Klimarisiken, Armut und begrenzten Bewältigungskapazitäten bei der Mittelverteilung sowie Verfahren, die auch in fragilen Kontexten praktikabel sind.

Diese Agenda muss Deutschland sowohl bilateral als auch in internationalen Klimafonds und Entwicklungsbanken vorantreiben. Mehr zuschussbasierte Anpassungsfinanzierung und bessere Zugänge für lokale Organisationen sind dabei zentrale Ansatzpunkte.

Die entscheidende Frage lautet: Erreicht die Finanzierung diejenigen, die sie am dringendsten benötigen? Der CAFI 2026 zeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit noch auseinanderliegen – und wo politische Veränderungen ansetzen müssen.

Sabine Minninger / Brot für die Welt und Thomas Hirsch / Climate & Development Advice

Weiterlesen: Der vollständige Bericht (in englischer Sprache) findet sich hier, zusammen mit Begleitmaterialien.